Jagderfolg beginnt im Lebensraum – oder: Wie wir Wild verstehen sollten, bevor wir es bejagen

Was bedeutet eigentlich „Jagen“?
Im juristischen Sinne ist es das „Aufsuchen, Nachstellen, Verfolgen und Erlegen von Wild“. Doch diese Definition greift zu kurz, wenn wir den komplexen Zusammenhang von Wildbiologie, Lebensraum und jagdlicher Praxis wirklich erfassen wollen.

Vom Beobachter zum Akteur: Wer bestimmt das Jagdgeschehen?

Kürzlich durfte ich für ein großes kommunales Revier eine Revierstruktur- und Wildverhaltensanalyse durchführen. Ziel war es herauszufinden, warum die Abschusszahlen stetig sinken, obwohl Wildschäden im Wald gleichzeitig steigen. Die Beteiligten – vom Waldbesitzer bis zum Jagdpächter – waren zunehmend unzufrieden.

Eine der zentralen Erkenntnisse: Die Ansitzstrategie war nicht auf das Wildverhalten abgestimmt. Nahezu alle Hochsitze befanden sich im Feld oder direkt am Waldrand. Orte also, die das Wild nur mit großer Vorsicht oder bei völliger Dunkelheit aufsucht – weit entfernt vom Tagesaufenthalt.

Die Jäger warteten dort – aber das Wild war längst woanders aktiv.

Die entscheidende Frage: Jagdort oder Ruheraum?

Wenn wir die Biologie unserer Wildarten ernst nehmen, müssen wir uns fragen: Wollen wir wirklich außerhalb des Wildlebensraumes jagen, in der Hoffnung, es zieht zu uns – oder begeben wir uns bewusst in den Lebensraum hinein, um das Wild dort gezielt und tierschutzgerecht zu bejagen?

Die zweite Option erfordert Know-how und Disziplin:

  • Pirschpfade, die leise und windgerecht zum Sitz führen
  • Freigeschnittene Sichtachsen, die gezieltes Beobachten ermöglichen
  • Offene Ansitzeinrichtungen, um Wild auch akustisch früh wahrzunehmen

Das bedeutet auch: Schluss mit der Komfortzone geschlossener Kanzeln am Feldrand. Wir müssen wieder handwerklich jagen – mit allen Sinnen, angepasst an das Verhalten des Wildes.

Wald

Tierschutz durch Effizienz: Weniger ist mehr

Ein häufiges Argument gegen das Jagen „im Wohnzimmer“ des Wildes: Der Rückzugsraum müsse unangetastet bleiben. Prinzipiell richtig – doch auch ein Wolf jagt dort. Der Unterschied: Er tut es selten, aber dann effektiv. Danach lässt er dem Wild wieder Zeit zur Erholung.

Diesen Ansatz sollten auch wir verfolgen:

  • Jagd in Intervallen
  • Zielgröße: max. 5 Ansitze pro erlegtem Stück
  • Bei Überschreitung: Anpassung der Jagdstrategie

So reduzieren wir Jagddruck, erhöhen die Erfolgswahrscheinlichkeit und handeln tierschutzgerecht. Denn: Mehr Jagddruck bedeutet nicht automatisch mehr Jagderfolg – im Gegenteil.

Fazit: Lernen vom Wild – und von den Räubern der Natur

Jagen bedeutet nicht nur das Erlegen. Es bedeutet das Erkennen von Zusammenhängen, das Verstehen von Verhaltensmustern und das kluge Anpassen der eigenen Strategie. Es ist ein Handwerk – und ein Dialog mit dem Lebensraum.

Lassen wir also nicht das Wild zum Jäger machen – sondern werden wir wieder zu Jägern, die ihre Beute kennen, respektieren und fair bejagen.

Nach oben scrollen